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Passivhaus – Haus ohne Heizung?

Nein, das stimmt so nicht ganz - leider wurde dies in der Vergangenheit teilweise missverständlich kommuniziert. Passivhaus - das bedeutet, dass in einem Gebäude ein eigenständiges Heizsystem, also Öl-, Gas- oder Pelletheizung, mit eigener Verteilung, z. B. Heizkörper, nicht mehr erforderlich ist.

Die Wärme, die noch erforderlich ist - wenn auch nur in sehr geringem Maße - kann über die ohnehin vorhandene Lüftungsanlage zugeführt werden. Es werden also nicht zwingend Heizkörper oder eine Fußbodenheizung benötigt. Ein Passivhaus ist also ein Haus, dessen Heizenergiebedarf durch eine optimierte Gebäudehülle auf ein Minimum reduziert ist, um interne Wärmegewinne, z. B. die Abwärme von Haushaltsgeräten oder solare Wärmeeinträge durch die Fenster, optimal zu nutzen. Das ist die Grundidee, die das Passivhausinstitut mit Prof. Wolfgang Feist Anfang der 90er-Jahre mit dem Konzept "Passivhaus" entwickelt und erstmalig 1991 baulich umgesetzt hat.

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Passivhausstandard wird schon 2020 zum Grenzwert

Zwischenzeitlich ist der Baustandard "Passivhaus" in Deutschland und teilweise auch international etabliert und kann durchaus als "Stand der Technik" bezeichnet werden. Auch der gesetzlich vorgeschriebene Mindeststandard für Neubauten wurde seit 1995 immer weiter verbessert. Mit der EnEV 2014 wurden nun die Grenzwerte für 2016 gesetzt, die bis zum Jahre 2020 bereits den Passivhausstandard erreichen sollen. Es ist also schon heute absehbar, dass der Passivhausstandard bis zum Jahre 2020 in Deutschland verbindlich eingeführt werden wird.

Der Passivhausstandard gilt als energieeffizient, komfortabel, wirtschaftlich und umweltfreundlich zugleich. Ein korrekt geplantes und umgesetztes Passivhaus benötigt ca. 90 % weniger Heizwärme als ein herkömmliches Bestandshaus und sogar bis zu 75 % weniger als ein durchschnittlicher Neubau. Während die Entwicklung des 3-Liter-Autos eher schleppend vorangeht, steht bereits heute mit dem Passivhaus ein 1,5-Liter-Haus zur Verfügung. Das heißt, das Haus benötigt für die Heizwärme lediglich noch 1,5 l Heizöl pro Quadratmeter beheizte Wohnfläche und Jahr. Daher ist das Passivhaus auch als Schritt hin zu einer Energiewende zu sehen: Denn Energie, die weniger benötigt wird, muss auch nicht teuer erzeugt, transportiert und gespeichert werden. Die Art der Heizung spielt dabei übrigens nur noch eine untergeordnete Rolle, da der Heizenergiebedarf so extrem minimiert ist. Oftmals werden Kompaktgeräte für Heizen und Lüftung (Wärmepumpenkompaktaggregate) eingesetzt.

Ein Altbau als Passivhaus?

Während sich der Passivhausstandard in den Anfangsjahren nur auf den Wohnhausbau und den Neubau bezog, wurden mittlerweile auch verstärkt Nichtwohnbauten, z. B. Schulen, Sporthallen, Rathäuser etc. und vor allem auch Sanierungen in die Betrachtung mit einbezogen. Dies ist insofern wichtig, da gerade bei Altbauten das allergrößte Energieeinsparpotenzial besteht. Insbesondere bei einer ohnehin erforderlichen Sanierung ist eine Wirtschaftlichkeit in aller Regel einfach nachzuweisen. Die Kriterien für den Passivhausstandard sind grundsätzlich auch bei der Sanierung eines Altbaus umsetzbar. Dafür sind im Wesentlichen folgende Maßnahmen erforderlich:

  • Optimierung der Gebäudehülle
  • Beseitigung konstruktiver Wärmebrücken
  • Verbesserung der Luftdichtheit
  • Einbau einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung
Mehr Komfort durch eine optimierte Gebäudehülle

Neben den wirtschaftlichen Aspekten stehen beim Passivhaus auch Komfort-aspekte im Vordergrund. Durch die optimierte Gebäudehülle, also starke Wärmedämmung der Wände, Dach und Bodenplatte und Passivhausfenster mit 3-fach-Verglasung sind Strahlungs- und Zugerscheinungen durch Temperaturunterschiede im Raum nahezu ausgeschlossen und so wird beispielsweise ein Aufenthalt in Fensternähe auch bei Tiefsttemperaturen im Winter dennoch als angenehm empfunden.

Dach, Wand und Bodenplatten sind hochwärmegedämmt. Das heißt, hier geht kaum noch Wärme verloren. Idealerweise werden hier U-Werte von 0,10 W/m²K-0,15 W/m²K angestrebt. Die Fenster sind natürlich 3-fach-verglast mit U-Werten von maximal 0,85 W/m²K im eingebauten Zustand. Dies wird durch den Einsatz von speziellen Fens-terrahmen erreicht. Während diese Fenster bis vor kurzem noch den Großteil der Mehrkosten verursacht haben, sind sie in den vergangenen Jahren deutlich günstiger geworden.

Ein wesentliches Merkmal eines Passivhauses ist die wärmebrückenfreie Konstruktion. Hier wird sehr viel Wert auf exakte Details gelegt, da hier noch die größten Verluste möglich sind. Dies erfordert einen erhöhten Planungsaufwand, der aber unverzichtbar ist.

Beim Passivhaus wird zudem größter Wert auf eine gute Luftdichtheit der Gebäudehülle gelegt, um unerwünschte Infiltrationsverluste zu vermeiden. Mit Hilfe eines Luftdichtheitstests (z. B. Blower-Door-Test) wird dies messtechnisch geprüft und dokumentiert. Die Gebäudedichtheit muss einen n50-Wert von mindestens 0,6 erreichen. Zum Vergleich: Ein Standard-Haus darf einen n50-Wert von 3,0 bzw. 1,5 mit Lüftungsanlage aufweisen.

Wird ein Passivhaus mit einer eigenen Photovoltaikanlage ergänzt, erreicht man meist schnell einen "Plusenergiestandard". Das heißt, das Haus produziert mehr Energie als für den Betrieb benötigt wird.

Obligatorische Lüftungsanlage

Die obligatorische Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung versorgt die Raumluft im Passivhaus unabhängig von den Witterungsbedingungen immer gut mit Frischluft - und das ohne nennenswerte Lüftungswärmeverluste. Denn die Wärme der abgeführten Raumluft steht durch den Wärmetauscher der zugeführten Frischluft wieder zur Verfügung. Dabei entstehen, entgegen verbreiteter Vorurteile, keine hygienischen Probleme, da lediglich die Wärme übertragen wird, nicht aber kalte und warme Luft vermischt werden. Eine Lüftungsanlage ist übrigens auch bei jedem "Standard EnEV-Haus" dringend empfehlenswert. Denn der hygienischen notwendige Luftwechsel ist aufgrund der mittlerweile vorgeschriebenen dichten Bauweise sonst kaum mehr gegeben.

Ist ein Passivhaus wirtschaftlich?

Das Passivhaus gilt grundsätzlich als wirtschaftlich. Der Aufwand für die Finanzierung der Mehrkosten liegt in der Regel unter den eingesparten Energiekosten. Im Hinblick auf weiter steigende Energiepreise und damit auf ein erhöhtes Bewusstsein für Energiestandards wird das Passivhaus in Zukunft auf dem Immobilienmarkt zudem einen Wettbewerbsvorteil genießen und noch mehr an Attraktivität gewinnen. Schon heute sind die energetischen Kennwerte bei Immobilienanzeigen verpflichtend und das Bewusstsein für energieeffiziente Immobilien steigt. Die Wirtschaftlichkeit wurde vielfach nachgewiesen, die Komfortverbesserungen sprechen für sich.

Allerdings ist ein Passivhaus mehr als die Summe einzelner Passivhauskomponenten. Hier ist die Planung eines Gesamtkonzeptes erforderlich, das mit Hilfe eines Rechenverfahrens, dem sogenannten Passivhausprojektierungspaketes (PHPP) dargestellt und validiert werden kann. Daher ist eine Planung von erfahrenen Architekten dringend erforderlich. Beim PHPP werden u. a. auch Randbedingungen wie Verschattungsfreiheit, Wärmebrückenoptimierung bzw. -freiheit, solare Ausrichtung und Kompaktheit der Gebäudehülle bis hin zur Betrachtung des Haushaltsstromes näher betrachtet und bilanziert.

Zertifizierung und Fördermittel

Wer möchte, kann sein Passivhaus auch zertifizieren lassen. Eine Liste zertifizierter Passivhausplaner sowie weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der Internetseite des Passivhausinstitutes:

www.passivhaus-institut.de

www.passivhausplaner.eu/mitgliederdatenbank.php

Nach wie vor wird der Bau eines Passivhauses durch die KfW durch einen zinsvergünstigten Kredit bzw. einen Tilgungszuschuss gefördert.

Informationen: www.kfw.de

Autor: Norbert Siewertsen, Architekt, Dipl.-Ing (FH)

Energieberater und zertifizierter

Passivhausplaner

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